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Wärmer wenn es dunkel ist

Ich bin bestimmt nicht die einzige, die sich in den letzten Wochen, als die Kälte mehr und mehr Einzug hielt und das Licht von Tag zu Tag schneller schwand beinahe ebenso schnell antriebsloser und müder gefühlt hat. Aktuelle politische Debatten und Wahlsiege lassen mich bereits jetzt nach einem warmen und besseren Frühlingserwachen sehnen. Gleichzeitig bietet die Dunkelheit aber auch Raum für mehr Nähe und Begegnung. Es ist die Jahreszeit, in der Menschen wieder bewusster zusammenkommen, um Wärme und Licht zu teilen. Traditionell bieten die dunklen Monate Gelegenheiten, sich in geschützten Räumen zu treffen – sei es bei Kerzenlicht in Wohnzimmern, in den Küchen von Freund*innen oder bei Nachbarschaftstreffen. Diese Momente des Zusammenkommens sind Ausdruck dessen, was feministische Theorien oft als Care Work beschreiben: Fürsorge, gegenseitige Unterstützung und das Teilen von emotionalen Ressourcen. Denn gerade Frauen haben historisch die Fähigkeit kultiviert, in solchen Kontexten ein Gefühl von Zugehörigkeit und Sicherheit zu schaffen.


Doch diese Praktiken gehören nicht nur in die vermeintliche „Privatsphäre“ und der Vergangenheit an. Sie sind politische Werkzeuge, die zeigen, wie wir eine andere Welt erträumen und erschaffen können. Der Wunsch nach einer besseren Zukunft bedeutet nicht, dass alles Alte verworfen werden muss. Auch im Gegenwärtigen und der Vergangenheit findet und fand schon immer Gutes statt, an welchem sich orientiert und festgehalten werden darf. Feminismus lehrt uns, dass Wandel nicht allein durch einzelne Held*innen geschieht, sondern durch Netzwerke, durch kollektive Anstrengung und geteilte Visionen. Die Dunkelheit des Novembers kann eine Zeit sein, in der wir uns auf das Besinnen, was bereits existiert: das Teilen von Geschichten, das gemeinsame Kochen, Austauschen; das Sorgen füreinander. Wir können und sollten diese gelebte Solidarität kultivieren. Denn aus diesen scheinbar kleinen Gesten des Alltags erwachen die großen Utopien von morgen. 

 

Die Kunst des «Füreinanderdaseins» und des Mitgestaltens schafft bereits heute eine Basis für eine Gesellschaft, in der niemand zurückgelassen wird. Ich bin es satt, dass gerade politische Debatten diese «weichen» Werte abgetan werden und sie immer einen Anspruch auf Rationalität und Objektivität in diesem Sinne heben. Warum müssen Argumente kühl und distanziert sein, um als „korrekt“ zu gelten? Warum wird Empathie oft als sentimental abgetan, während Härte und Unnahbarkeit als Zeichen von Kompetenz gelten? Das ist nicht nur ein Zerrbild, sondern auch ein Ausschlussmechanismus. Er blendet die Erfahrungen derjenigen aus, die tagtäglich die Auswirkungen von politischen Entscheidungen spüren – auf ihrem Körper, in ihrem Leben, in ihrer Gemeinschaft. Ich wünsche mir Debatten, die mehr Platz für das haben, was wirklich zählt: Solidarität, Verbundenheit, Fürsorge. Ich wünsche mir, dass Emotionen nicht mehr als Störfaktor gelten, sondern als Fundament für gerechte Entscheidungen. Denn was könnte politischer sein als die Frage, wie wir füreinander sorgen?

Politik ist nicht nur ein Kopf-Ding. Sie ist Herz und Hand. Und sie sollte sich endlich auch so anfühlen.

 

 

 

Linda Junz Vorstandsmitglied Junge Grüne Zürich