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Das Fremde als Chance erkennen

Im Treppenhaus einer Freundin fiel mir ein Flyer, der gegen das Bildungsgesetz wirbt, das am 22. September zur Abstimmung kommt, in die Hände. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass das, was da abgebildet und geschrieben war, mir die Haare zu Berge stehen liess. Das Egerkinger Komitee, welches auch schon die Minarett- und Verhüllungsverbot Initiative lancierte, warnt vor der „schleichenden Islamisierung“ der Schweiz und bezeichnet Asylbewerber*innen kurzerhand als gewalttätig. Diese Aussagen sind so fremdenfeindlich und so inkorrekt, dass ich ihnen keine Plattform bieten - und so gar nicht darauf eingehen möchte.


Sie sprechen auch davon, dass „wir Steuerzahler*innen“ all den 8000 vorläufig aufgenommenen Ausländer*innen beim Durchkommen der Initiative, ein gratis Stipendium schenken würden. Dieses Argument kann man aber in mehreren Punkten widersprechen. Es stimmt, dass das Bildungsgesetz vorsieht, dass sich jene 8000, bereits ein Tag nach Asylentscheid auf ein Stipendium für Ausbildungszwecke bewerben dürfen. Schätzungen zufolge sind von den 8000 aber gerade mal 500 auch tatsächlich zu Stipendien berechtigt. Sie würden dann dieselben – und nicht mehr Rechte geniessen wie alle anderen Menschen, die im Kanton Zürich Beitragsberechtigt sind. Das ist eine Chance, die wir aus mehreren Gründen nutzen sollen; Ich persönlich kann mir kaum was Besseres vorstellen, als dass Menschen, die voraussichtlich noch eine Weile in der Schweiz bleiben, Ausbildungen besuchen und sich so aktiv und auf allen Ebenen in der Gesellschaft einbringen dürfen. Ausserdem bezahlen auch die hier betroffenen Menschen mit einem monatlichen Einkommen Quellensteuer, es ist nicht so, als ob sich hier irgendjemand gänzlich fremdfinanzierten lässt. 

Was die Egerkinger hier tun ist eine Angstmacherei, von der wir unbedingt abkommen müssen. Sie gehen vom schlimmsten aus und trauen den Betroffenen nur schlechtes zu. Und mit ihrer Art der Kommunikation haben sie auch Erfolg; beide ihre lancierten Initiativen hatten vor dem Stimmvolk Erfolg. Ist es an der Zeit auch unsere Methoden in der Politik zu überdenken? Warum lassen wir zu, dass das Fremde hier als etwas Negatives, als Bedrohung dargestellt wird? Solche Erfolge und der aktuelle Rechtsrutsch zwingen uns, unsere Arbeit zu hinterfragen, unsere Komfortzonen zu verlassen und uns mit neuen Realitäten auseinanderzusetzen. In ihren Aussagen erkenne ich auch einen Widerspruch, gerade in der Zeit der Sommerferien ist die Faszination für das Weite und das Fremde in anderen Ländern meist besonders hoch. Im eigenen Land dann aber nimmt das Fremde zu viel Platz ein. Es ist an der Zeit, dass wir diesen Widerspruch auflösen. Dass wir das, was wir im Urlaub als bereichernd erleben, auch in unserem Alltag willkommen heißen. Dass wir die Fremde nicht als Bedrohung sehen, sondern als Möglichkeit zur Bereicherung und zum Austausch. Denn am Ende ist das Fremde nichts anderes als eine Chance: die Chance, unsere Horizonte zu erweitern, Vorurteile abzubauen und die Welt in ihrer ganzen Vielfalt zu erleben. Und diese Chance sollten wir nicht nur in den Sommerferien ergreifen, sondern jeden Tag.

 

 

Linda Junz, Vorstandsmitglied der Jungen Grünen Zürich